Stachel und Staat

  • Veröffentlicht am: 23.11.2018
Stachel und Staat

Inzwischen ist das Bewusstsein für das Insektensterben in weiten Teilen der Öffentlichkeit angekommen. Doch die Bedeutung der Insekten – der heimlichen Herrscher der Welt – ist vielen unbekannt. Michael Ohl will das mit einer leidenschaftlichen Naturgeschichte für die staatenbildenden Insekten ändern – Bienen, Wespen und Ameisen.

Der Autor Michael Ohl ist Kurator für Wespen, Bienen und Ameisen am Museum für Naturkunde Berlin und mit seinen Einblicken in seine Arbeitswelt weiß er zu fesseln.

Die Sozialstaaten mit ihren Ähnlichkeiten zu unseren eigenen Gesellschaften sind für Menschen besonders faszinierend.
Der Stachel ist dagegen eher angsteinfößend, aber er bildet eine wichtige Grundlage für zahllose Arten und verschiedenen Lebensstrategien. Und er besitzt auch einen Sinn, wie der Autor nach einem versehentlichen Streifstich der Vogelspinnen jagenden Wespengattung Pepsis aus eigenem Schmerz authentisch zu berichten weiß. Toxisch ist das injizierte Gift nicht wirklich, aber dafür sorgt es für ein Schmerzsignal wie bei kaum einem anderen Tier. Zum Glück lässt die Wirkung nach wenigen Minuten nach und lässt einen erschöpften Entomologen zurück, der beim nächsten Mal einen großen Bogen um das Tier macht.

Ursprünglich war der Stachel einmal eine Legeapparatur, die sich erst im Verlauf der Evolution zu einem komplexen Werkzeug entwickelt hat, das auch die Haut von Säugetieren durchfräsen kann und sich vor allem bei zu neugierigen Menschen und Tieren dauerhaft in die Erinnerung brennt.

Der mit dem Stachel einhergehende Schmerz macht schon fast das letzte Kapitel des Buches aus. Und es enthält noch sehr viel mehr, etwa die Geschichte der Entdecker der „niederen“ Insektenarten, den Vorteilen des Zusammenlebens in Staaten, der unglaublichen Vielfalt der Nestarchitektur und natürlich auch der Kunst der Verführung der Bienen durch Pflanzenblüten, aber ebenso davon wie manche Arten sich täuschen und andere nachahmen.

Man merkt dem Autor seine Bewunderung für die Insekten in jeder Zeile seines Buches an. Hochwertige Makroaufnahmen ausgesuchter Arten bereichern das Buch. Interessant sind aber ebenso zahlreiche historische Zeichnungen, wie etwa ein Holzstich von 1602 aus dem Werk „De animalibus insectis libri septem“ des Autors Ulisse Aldrovandi, das als erstes nur den Insekten gewidmete Werk der Weltliteratur gilt.

Michael Ohl mahnt davor, die Folgen des Insektensterbens zu unterschätzen. Es drohen Gefahren für die meisten Ökosysteme, da die Komplexität vieler Insekten- und Pflanzenbeziehungen noch gar nicht erforscht ist. Grundsätzlich weiß man zwar von der Abhängigkeit von Bestäubern und Blütenpflanzen, doch damit kennt man lediglich den Anfang.

Der Autor weißt auch ausdrücklich darauf hin, dass die besondere Aufmerksamkeit um die Honigbiene wohl eher ihrer landwirtschaftlichen Bedeutung geschuldet ist. Mit Naturschutz hat das nichts zu tun und gut gemeinte Initiativen, die Honigbiene zu schützen und zu halten, kann sich als Bärendienst erweisen, wenn andere Insekten dadurch einem noch schwereren Stand ausgesetzt sind.

Die Hoffnung von Michael Ohl ist allerdings, dass die Sensibilität für die Situation der Bestäuberinsekten insgesamt gestärkt aus diesem Hype hervorgeht.