Wildbienen fliegen für die Forschung

  • Veröffentlicht am: 27.10.2020

Großflächiger Versuchsaufbau 2020 für die Mauerbienen. Foto: Gabriela Brändle/Agroscope, CC BY-ND 2.0

Das EU-Horizon-2020-Projekt PoshBee (Pan-european assessment, monitoring, and mitigation of Stressors on the Health of Bees) will von 2019 bis 2023 wissenschaftliche Grundlagen für effiziente Maßnahmen zum Bienenschutz erarbeiten und umsetzen. Sowohl Honigbienen wie auch Wildbienen (Hummeln und solitäre Wildbienen) stehen im Fokus. Beim eidgenössischen Agroscope arbeitet man mit Honigbienen, Erdhummeln und insbesondere mit solitären Mauerbienen.

Vom gesamten Ertrag der Schweizer Landwirtschaft können rund 350 Millionen Franken jährlich nur dank der Bestäubungsleistung von Honig- und Wildbienen erwirtschaftet werden. Viele der über 600 Wildbienenarten der Schweiz tragen oft genauso viel dazu bei wie die Honigbienen. Deshalb ist der Schutz von Wildbienen auch für die Landwirtschaft sehr wichtig. Im Zusammenhang mit dem Insektensterben sind auch Wildbienen-Populationen unter Druck. Doch was genau setzt den Wildbienen zu? Agroscope-Fachleute untersuchen die möglichen Stressfaktoren und ihr Zusammenspiel im Rahmen eines EU-Projekts zusammen mit 42 Partnerorganisationen.

Die Rostrote Mauerbiene Osmia bicornis eignet sich gut als Modell-Organismus, um Stressfaktoren auf Solitärbienen zu untersuchen. Sie werden europaweit in solchen Versuchen eingesetzt. Somit sind Vergleiche mit den Versuchsergebnissen der anderen Projektpartner möglich. Diese Mauerbienen-Art lässt sich zudem einfach vermehren, nimmt künstliche Nistmöglichkeiten gerne an und ist in der Obstbestäubung sehr wichtig.

Flugkäfige mit unterschiedlichen Bedingungen

Am Standort Zürich-Reckenholz wurden bereits 2019 erste Versuche mit Rostroten Mauerbienen in Käfigen durchgeführt. Mit den Nachkommen aus diesen Versuchen hat man im April 2020 weitere Versuche gestartet. Die Frage lautet: Sind Bienen, die als Larven schon Kontakt mit Pflanzenschutzmitteln hatten, besser oder schlechter daran angepasst als adulte Bienen, die erstmals mit solchen Mitteln in Kontakt kommen? Und kann eine optimale Ernährung Pestizidbelastungen abschwächen?

In den Käfigen finden die Mauerbienen sehr unterschiedliche Bedingungen vor – je nachdem, in welchen Flugkäfig sie einziehen: nährstoffreiche und weniger wertvolle Nahrungspflanzen, Monokultur oder vielfältiges Blütenangebot, mit oder ohne Belastung durch Pflanzenschutzmittel.

Die Wissenschaftler protokollieren, wie gut sich die Bienen orientieren, wie effizient sie Pollen sammeln und somit Blüten bestäuben, wie viele Nachkommen sie produzieren und wie alt sie werden. Alle diese Daten werden Hinweise geben, wie sich das Zusammenspiel von Nahrungsqualität und Pestizidexposition auf die Mauerbienen auswirkt.

Orientierungsfähigkeit entscheidend

Ein wichtiger Faktor für den Bestäubungs- und Nisterfolg ist die Orientierung. Können sich Mauerbienen schlecht oder gar nicht mehr orientieren, finden sie die Blüten, den Heimweg oder ihre Brut verzögert oder überhaupt nicht mehr.

Die Forscher suchen im Verhalten der Mauerbienen nach Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Sehr wichtig für die Gesundheit – wie bei uns Menschen – ist die Fähigkeit der Bienen, den Organismus möglichst rasch wieder von Fremdstoffen wie Pflanzenschutzmittel zu befreien. Auch eine intakte Darmflora könnte dabei eine Rolle spielen; dies wird ebenfalls untersucht.

Wenn der Nisterfolg zurückgeht, werden weniger Nachkommen produziert und die Populationen schrumpfen. Darum will man herausfinden, was den Nisterfolg beeinflusst. Einige direkte Effekte wirken sich auf die Sterblichkeit von erwachsenen Bienen und Larven aus. Andere direkte Effekte – insbesondere Kombinationen von Pflanzenschutzmitteln – stehen im Verdacht, bei längerer Exposition negative Auswirkungen auf Aktivität oder Orientierung von weiblichen Mauerbienen zu haben. Diese könnten dann weniger effizient Pollenvorräte für ihre Nachkommen sammeln. Doch es kommen auch indirekte Effekte in Frage, wenn beispielsweise die Futterpflanzen zu weit weg sind, bleiben die Mütter länger weg. Dann haben Brut-Räuber und Parasiten leichteres Spiel. Können die Mütter weniger Pollen für die Brutzellen sammeln, investieren sie unter diesen schlechten Bedingungen möglicherweise mehr in den männlichen Nachwuchs. Die kleineren Männchen benötigen weniger Futterproviant als weibliche Nachkommen.

Die Erkenntnisse aus den Versuchen sollen helfen, Maßnahmen zur Gesunderhaltung von Honig- und Wildbienen-Populationen zu entwickeln und zu optimieren.

Ein erstes Zwischenergebnis zeigt, dass sich die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln in Kombination verstärken kann – zulasten der Mauerbienen.

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