Wildbienen leiden sogar in Norwegen
Nomada subcornuta ist eine weitere Art, die vermutlich aus Norwegen ausgestorben ist. Foto: Frode Ødegaard/NTNU Vitenskapsmuseet Norsk institutt for naturforskning, CC BY 3.0
Honigbienen sind nicht betroffen, aber Wildbienen geht es auch in Norwegen schlecht - einem Land, von dem man annehmen sollte, dass die dünne Besiedlung und viel Natur ein Paradies für die Bestäuber sein sollte.
Honigbienen sind domestiziert und der Mensch entscheidet weitgehend, wie viele es davon gibt. „Honigbienen können Wildbienen verdrängen. Sie konkurrieren oft um die gleichen Blüten, von denen es immer weniger gibt. Sie können Wildbienen auch mit Krankheiten anstecken“, so Frode Ødegaard, Dozent am Universitätsmuseum der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) in Trondheim.
Viele Wildbienenarten sind gefährdet, und die Ansiedlung von Honigbienen kann die Situation verschlimmern. Denn die Wildbienen müssen möglicherweise um Nahrung kämpfen oder erkranken. Frode Ødegaard versucht seit Jahren, dies zu vermitteln, aber der Mythos vom bevorstehenden Untergang der Honigbiene lässt sich schwer widerlegen.
„In den letzten Jahren haben wir in Norwegen einen Rückgang der Insektenpopulation beobachtet“, sagt Frode Ødegaard, was dem globalen Trend entspricht. In einzelnen Jahren lässt sich dies auf Schwankungen des Wetters zurückzuführen, langfristig jedoch nicht.
Die Gesamtanzahl der Insekten allein gibt nicht das ganze Bild wieder: „Manche Arten vermehren sich vielleicht so stark, dass sie andere Arten verdrängen. Das kann verdecken, dass andere Arten im Rückgang begriffen sind“, sagt Frode Ødegaard.
Um das Jahr 2000 ging man von etwa 180 Bienenarten in Norwegen aus.
Arten waren allerdings teilweise falsch klassifiziert oder kamen gar nicht in Norwegen vor, während andere Arten entdeckt wurden, die zuvor in Norwegen noch nicht bekannt waren.
Aktuell sollen es 212 Bienenarten in Norwegen geben, von denen einige erst kürzlich erstmals beobachtet wurden. Einige Arten kommen - wahrscheinlich aufgrund von Klimaveränderungen - neu hinzu, während andere verschwinden.
Besonders gefährdet sind spezialisierte Arten: Manche der am stärksten gefährdeten Arten haben eine ungewöhnliche Ernährung und Lebensweise. Sie ernähren sich beispielsweise ausschließlich von einer bestimmten, oft seltenen Pflanzenart, die zudem in der Nähe ihres natürlichen Lebensraums wachsen muss.
„Die spezialisierten Arten haben die größten Probleme. Die weniger spezialisierten Arten kommen besser zurecht“, so Frode Ødegaard.
Ein weiterer Grund für den Bestandsrückgang könnte sein, dass Norwegen am äußersten Verbreitungsgebiet einiger Bienenarten liegt. Die Bedingungen dort sind für diese Arten oft nicht optimal.
Wärmere Temperaturen ermöglichen es einigen Arten, sich in Norwegen anzusiedeln; andere dagegen wurden gezielt eingeführt, wie beispielsweise die Dunkle Erdhummel Bombus terrestris. „Obwohl wir diese Art in der Natur nicht wünschen, ist sie in den letzten Jahren zu einer der häufigsten geworden“, so Frode Ødegaard.
Sie wurde gezielt für den Einsatz in Gewächshäusern zur Bestäubung von Gemüse eingeführt. Eine Flucht aus dem Gewächshaus ist allerdings leicht möglich und dadurch konkurrieren sie nun in der Natur mit einheimischen Arten.
„Zunächst gilt es, den gefährdetsten Arten dringend Hilfe zu leisten“, erläutert Frode Ødegaard. Vor einigen Jahren wurden Aktionspläne für die am stärksten gefährdeten Arten in Norwegen entwickelt. Die Behörden setzten Mittel für den Schutz dieser Arten ein. „Das hat funktioniert. Doch in den letzten zehn Jahren wurden keine solchen Aktionspläne mehr erstellt“, weiß Frode Ødegaard.
Dies liegt daran, dass Konflikte zwischen den Bedürfnissen der Bienen und denen des Menschen häufig vorkommen. Die Interessen von Insekten decken sich nicht immer mit denen des Menschen. Hauptgründe für den Rückgang der Insektenpopulationen sind:
Verlust des Lebensraums
Der Verlust des Lebensraums ist der häufigste Grund für das Verschwinden von Insektenarten. Die „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES) hält ihn für das drängendste Umweltproblem weltweit.
Lebensräume verschwinden durch den Bau von Straßen, Wohngebieten und Gewerbegebieten. Hier ein Windpark, dort ein Freiflächengebiet für Ferienhäuser.
Die beliebtesten Gebiete für Menschen liegen oft an milden, sonnigen Küsten. Genau diese Gebiete bevorzugen auch die meisten Bienen. „Menschen und Insekten konkurrieren oft um denselben Lebensraum. Der Rückgang der Lebensräume geschieht wahrscheinlich schneller als je zuvor“, erklärt Frode Ødegaard.
Die acht Milliarden Menschen auf unserem Planeten beanspruchen immer mehr Raum, zumal fast jeder einen höheren Lebensstandard anstrebt. Die Bevölkerung Norwegens blieb lange bei etwa 4 Millionen stabil. In wenigen Jahren hat das Land nun die 5,6-Millionen-Marke überschritten. Dadurch müssen andere Arten oft ihren Lebensraum räumen.
Einsatz von Pestiziden
Menschen verwenden nach wie vor große Mengen an Pestiziden zur Bekämpfung von Unkraut und Schädlingen. Norwegen genehmigte Glyphosat im vergangenen Jahr für weitere zehn Jahre.
„Die Landwirtschaft verwendet weiterhin große Mengen an Insektiziden“, so Frode Ødegaard, und deren Verbot in privaten Gärten bringe nicht viel.
Klima
Die Auswirkungen des Klimawandels auf Insekten sind schwer zu interpretieren, räumt Frode Ødegaard ein: „Manche Arten, die ohnehin am Rande des Aussterbens sind, könnten jedoch bei Dürre oder Starkregen zusammenbrechen.“
Sommer mit langer Dürrephase, gefolgt von einem kalten, regnerischen Zeitraum, sind sehr ungünstig. Die Dürre lässt die Blüten schneller verwelken, und die meisten Bienen mögen weder Kälte noch Regen. Solche Sommer gab es in Norwegen in den letzten Jahren.